60. Berliner Filmfestspiele: von Bären, Zahlen und streitbaren Fußnoten
60. Berliner Filmfestspiele: von Bären, Zahlen und streitbaren Fußnoten
Das Jubiläum hat nicht enttäuscht. Zufrieden können Festivaldirektor Dieter Kosslick und die Filmliebenden des Landes auf zehn Tage Ausnahmezustand zurückblicken. 400 Filme, fast 300.000 verkaufte Tickets, Besucherrekord. Aber die imposanten Zahlen sind nicht alles. 60 Jahre Berlinale, das verpflichtet auch zu Glanz, Geschichten und Wirbel. Und davon? Reichlich.
Am letzten Sonntag standen Sie dann wirklich alle fest, die Gewinner der diesjährigen Jurypreise. Der größte unter ihnen ist der türkische Regisseur Semith Kaplanoglu. Er erhielt den Goldenen Bären für sein Werk „Bal“ („Honig“). Damit wurde zum ersten Mal seit fast 50 Jahren wieder ein türkischer Beitrag mit dem Preis für den besten Film der Berlinale bedacht. Die deutsche Koproduktion ist der Abschluss einer Trilogie über das Leben in der ländlichen Türkei. Für die Jury um ihren Präsidenten Werner Herzog gab es keine Zweifel am Preisträger, wie der weltbekannte Regisseur begeistert zu Protokoll gab. Seine Jury-Berufung galt übrigens selbst als geburtstagswürdiger Coup der Macher.
Die Riege der Gewinner eines Silbernen Bären führt der Rumäne Florin Serban an. Er wurde für seinen Film „If I Want to Whistle, I Whistle“ mit dem Großen Preis der Jury und mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet. Den Preis für das beste Drehbuch nahm Wang Quan'an aus China für „Apart Together“ entgegen. Als bester Erstlingsfilm wurde „Sebbe“ von Babak Najafi (Schweden) prämiert. Gleich zwei Silberne Bären wurden in der Kategorie bester männlicher Darsteller vergeben. Grigori Dobrygin und Sergej Puskepalis erhielten beide diese Ehrung für ihre Rollen in „How I Ended This Summer“. Die beste weibliche Darstellerin, Shinobu Terajima aus Japan, konnte den Bären für ihre Rolle in „Caterpillar“ dagegen nicht persönlich entgegennehmen. So ging es auch Pavel Kostomarov (Russland), dem ein Silberner Bär für die herausragende künstlerische Leistung seiner Kameraarbeit in „How I Ended This Summer“ zuteil wurde. Der ungleich berühmteste Abwesende unter den Preisträgern aber war Roman Polanski. Für seinen Film „Der Ghostwriter“ zeichnete ihn die Jury als besten Regisseur aus. Mit einer Aussage, die der Geehrte übermitteln ließ, sorgte Polanski noch im Nachhinein für einigen Wirbel: Er wäre auch ohne den Umstand, der ihn derzeit bekanntlich am Reisen hindert, nicht in Berlin erschienen. Das letzte Mal als er einen Preis entgegennehmen wollte, wurde er stattdessen verhaftet.
Da war sie also, die streitbare Fußnote, die dann irgendwie doch zu einem Filmfestival gehört, das in der ersten Liga weltweit spielt. Die einzige blieb sie nicht. Oskar Roehlers heiß diskutiertes Werk "Jud Süß - Film ohne Gewissen" gewann mühelos die größte Aufmerksamkeit aller deutschen Wettbewerbsbeiträge. Einen Preis erhielt letztendlich keine der hiesigen Produktionen. Deutsche Gewinner gab es trotzdem, genauer gesagt gestandene Berliner. In die „Kiez-Kinos“ der Berlinale strömten allein 4.000 Besucher. Das begeisterte unter anderem Berlinale-Chef Kosslick, der wusste, warum er sich für diesen Zulauf beim Publikum bedankte. Wo sonst in Deutschland ist die Kinokultur längst vergangener Zeiten, als an Multiplexe von der Größe eines mittleren Stadtquartiers noch nicht zu denken war, noch so erhalten wie in Berlin? Fast alle dieser Lichtspielhäuser müssen sich gegen die Schließung stemmen. Die Berlinale tut ihnen gut.
Und sonst? Pro hier, da Contra. Die Berliner Filmfestspiele haben eine neue Dimension erreicht. Viel wurde über Qualität und Quantität gesprochen. Cannes zieht mehr Top-Regisseure an, heißt es. Die Berlinale konzentriere sich immer mehr auf den Nachwuchs und gehe in die Breite. Tatsächlich gibt es eine Vielzahl weiterer Preise, die sich besonders um den Berlinale Talent Campus drehen. Nicht zu vergessen das Kinderfilmfestival, das international seinesgleichen sucht. Weltstars gab es trotzdem. Polanski konnte nicht, Martin Scorsese kam. Den Hauptdarsteller seines außer Konkurrenz laufenden Thrillers „Shutter Island“ brachte er gleich mit. Leonardo DiCaprios Erscheinen sorgte für die erwartete Aufregung am roten Teppich, was folgende These provoziert: Letztendlich korreliert das Niveau eines Filmfestivals doch nur bedingt mit den Beobachtungen der Mathematik. Fünf Stars weniger, zwei mehr oder zwölf? Weniger namhafte Filme, dafür eine Vielzahl mehr potenzieller Perlen, die vielleicht nie den Weg ins Kino finden? Die Berlinale vergisst ihr Handwerk nicht. Pünktlich zum Geburtstag war die Galaaufführung des restaurierten Fritz Lang-Klassikers „Metropolis“ möglich. Hinzu kam die Selbst-Retrospektive „Play It Again!“, die wichtige Filme aus 60 Jahren Berlinale noch einmal zeigte. Ja, auch das eigene Zitieren macht Sinn, wenn man feststellt, eine lange Geschichte zu haben und unglaublichen Erfolg noch dazu. Für letzteren kann es wohl keinen besseren Beleg geben als die Einsicht, es nicht mehr allen Recht machen zu können.









